Benjamin, worum geht es in deiner ausgezeichneten Dissertation und was hat dich dazu motiviert?
In meiner Dissertation »Cultural Change in Servitization« untersuche ich, wie sich die Unternehmenskultur verändert, wenn Industrieunternehmen sich vom klassischen Produkthersteller hin zu Anbietern integrierter Lösungen aus Produkt, Service und Software entwickeln. Die Motivation für meine Arbeit entstand aus der Praxis. Während meiner Tätigkeit als Unternehmensberater habe ich beobachtet, dass viele Unternehmen zwar ihre Strategie erneuern und serviceorientierte Geschäftsmodelle entwickeln, in der Umsetzung aber auf erhebliche Schwierigkeiten stoßen. Häufig liegt das daran, dass weiterhin in alten Denkmustern gedacht und gehandelt wird. Ein Blick in die wissenschaftliche Literatur zeigte mir zudem, dass es eine deutliche Forschungslücke zum Change-Management in der Servicetransformation gibt. Entsprechend wollte ich wissenschaftlich fundiert und zugleich mit klarem Praxisbezug untersuchen, wie dieser kulturelle Wandel gestaltet werden kann.
Warum ist dieses Thema für die Industrie in Baden-Württemberg so wichtig?
Baden-Württemberg ist stark durch den Maschinenbau und die produzierende Industrie geprägt. Viele Unternehmen verfügen über herausragendes technologisches Know-how, stehen zugleich aber unter zunehmendem Wettbewerbsdruck. Genau in dieser Situation bietet die Servicetransformation einen zentralen Hebel: Viele Industrieunternehmen verfügen über umfangreiche Daten, tiefes Prozesswissen und eine große Nähe zu ihren Kunden. Diese Ressourcen können genutzt werden, um neue, resiliente servicebasierte Geschäftsmodelle zu entwickeln.
Es reicht jedoch nicht, ein neues Geschäftsmodell nur auf dem Papier zu entwerfen. Meine Forschung zeigt: Kulturwandel gelingt vor allem über gezieltes organisationales Lernen, das Serviceorientierung im Arbeitsalltag verankert. Unternehmen, die Servicetransformation nicht als einmaliges Projekt verstehen, sondern als kontinuierlichen Lernprozess, können ihre Wettbewerbsfähigkeit langfristig stärken. Genau darin liegt aus meiner Sicht der besondere Mehrwert für die Industrie in Baden-Württemberg.
Wie arbeitest du mit diesen Erkenntnissen weiter – was sind die nächsten Schritte?
Am Forschungs- und Innovationszentrum Kongitive Dienstleistungssysteme des Fraunhofer IAO führe ich meine Forschung fort und arbeite zugleich an Transferprojekten mit der industriellen Praxis. Dabei begleite ich Unternehmen von der Analyse ihres kulturellen Status quo bis zur Gestaltung organisationaler Lernprozesse.
Gemeinsam mit unseren Partnern an der Cambridge Service Alliance forsche ich derzeit insbesondere daran, wie organisationaler Wandel gestaltet werden kann, um servicebasierte Wertschöpfung durch agentische KI-Systeme zu ermöglichen. Mein Ziel ist es, Unternehmen langfristige auf ihrem Weg zum industriellen Lösungsanbieter zu unterstützen, mit Ansätzen, die wissenschaftlich fundiert und zugleich pragmatisch umsetzbar sind.