(DF)²-Jahrestagung
Es ist ein Thema, das erst vor kurzer Zeit ins Bewusstsein von Wirtschaft und Forschung gerückt ist, zugleich aber immer mehr an Bedeutung gewinnt: Dienstleistungssouveränität. Der Begriff mag zunächst sperrig klingen, technisch und abstrakt – tatsächlich beschreibt er jedoch etwas Grundlegendes: den Anspruch, in einer Zeit rasanter und tiefgreifender technologischer Entwicklungen Orientierung und Selbstbestimmtheit zu behalten und digitale Dienstleistungssysteme nach eigenen Maßstäben zu gestalten, ohne die Kontrolle über Daten, Prozesse und Entscheidungen aus der Hand zu geben.
Dahinter stehen Fragen nach Kompetenz, Verantwortung, wirtschaftlicher Handlungsfähigkeit und dem Umgang mit wachsenden technologischen Abhängigkeiten. Zugleich erweitert sich auch das Verständnis von Souveränität: Es geht längst nicht mehr nur um die Technologie allein, sondern zunehmend auch um die Frage, wie darauf aufbauende Wertschöpfung souverän gestaltet werden kann. Entscheidend ist Souveränität beispielsweise nicht nur bei der Entwicklung von KI-Systemen, sondern auch dabei, wie mit ihnen eigene Ideen, Mehrwerte und Geschäftsmodelle entwickelt und nachhaltig erfolgreich umgesetzt werden können. Gemäß dem Interaktionsparadigma dienstleistungszentrierter Wertschöpfung gilt dabei: souveräne Kooperation statt Isolation.
»Mit der Konferenz haben wir einen wichtigen Impuls gesetzt, um das Thema Dienstleistungssouveränität voranzubringen. Sie entsteht nicht von allein, sondern braucht neue Kompetenzen, verlässliche Rahmenbedingungen und einen bewussten Umgang mit KI-gestützten Prozessen und Geschäftsmodellen. Jetzt kommt es darauf an, den Dialog zwischen Forschung, Wirtschaft, Politik und Gesellschaft fortzuführen und daraus konkrete Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln.«
Prof. Dr. Katharina Hölzle, Institutsleiterin des IAT der Universität Stuttgart und geschäftsführende Institutsleiterin des Fraunhofer IAO
»Der Begriff der Souveränität ist in diesem Zusammenhang nicht als Isolation oder Autarkie zu verstehen. Das Ziel ist nicht, sich abzuschotten, im Gegenteil: Wir müssen zusammenarbeiten und interagieren, das ist das Wesensmerkmal von Dienstleistungen. Aber es sollte eine selbstbestimmte Kooperation sein. Ich kann souverän sein, auch wenn ich die Technologie anderer verwende. Nur sollte ich wissen, wie sie funktioniert, wo und wie ich sie in meinem Wertschöpfungsprozess einsetze und ob ich überhaupt Alternativen habe.«
Dr. Jens Neuhüttler, Leiter Forschungs- und Innovationszentrum Kognitive Dienstleistungssysteme KODIS, Fraunhofer IAO
Gerade weil KI-Systeme inzwischen tief in wirtschaftliche und gesellschaftliche Prozesse eingreifen und gleichzeitig globale Abhängigkeiten, geopolitische Unsicherheiten und die Marktkonzentration zunehmen, stellte das Deutsche Forum Dienstleistungsforschung (DF)² das Thema in den Mittelpunkt seiner Jahreskonferenz.
Als Mitglied des (DF)² richtete das KODIS des Fraunhofer IAO die Veranstaltung im Herbst 2025 in Heilbronn aus. Im Austausch ging es darum, welche Rahmenbedingungen und Kompetenzen notwendig sind, um sich in einer zunehmend KI-getriebenen Welt souverän bewegen zu können – und dabei innovativ und wettbewerbsfähig zu bleiben.
Das entstehende KI-Ökosystem in Heilbronn bot den passenden Rahmen für Diskussionen und Workshops, mit dem Ziel, die wichtigsten Fragen gemeinsam zu ergründen. Zu den Teilnehmenden gehörten Expertinnen und Experten von Unternehmen wie Audi, Trumpf, Schwarz Digits oder Aleph Alpha, dazu Forscherinnen und Forscher verschiedener Hochschulen sowie Vertreterinnen und Vertreter aus Politik und Gewerkschaften. In den Gesprächen und Arbeitsformaten kristallisierten sich erste Handlungsfelder heraus, mit denen sich die Forschung in nächster Zeit intensiv beschäftigen wird.
»Wir sollten uns kritisch damit auseinandersetzen, wie und wofür wir Technologie entwickeln und nutzen wollen. Denn sie ist nicht nur ein Hilfsmittel, sondern hat tiefgreifende moralische, gesellschaftliche und wirtschaftspolitische Auswirkungen. Schon heute gelten Daten als Schlüsselressource. Unternehmen und Organisationen der öffentlichen Hand müssen sich daher bewusst machen, dass es in ihrer Verantwortung liegt, den Schutz der Daten und ihre verantwortungsvolle Nutzung sicherzustellen, insbesondere in Hinblick auf Künstliche Intelligenz.«
Rolf Schumann, ehemaliger Co-CEO Schwarz Digits & CDO bei der Schwarz-Gruppe
»Bei der Diskussion über Souveränität und der Frage, wie Technologie verantwortungsbewusst und gleichzeitig wertschöpfend eingesetzt werden kann, ist für mich vor allem Transparenz wichtig. Ich muss wissen: Worauf baue ich meine Dienstleistung auf? Wie kann ich das steuern, was ich nutze? Wie informiert muss ich sein, um bewusst Entscheidungen treffen zu können? Schnell und unreflektiert eine Standardlösung zu wählen, mag im ersten Moment bequem sein. Aber Bequemlichkeit wird im Nachgang oft teuer bezahlt.«
Peter Hottum, Geschäftsführer des Karlsruhe Digital Service Research & Innovation Hub (KSRI) am Karlsruher Institut für Technologie (KIT)