Zentrum für industrienahe Dienstleistungen
Wenn es doch nur genügen würde, im Fernsehen bei »Die Höhle der Löwen« aufzutauchen, dort gefeiert zu werden und einen Investor zu finden, um für alle Zeiten ausgesorgt zu haben. Dann würde Claudia Eckert sich bloß noch um die Influencer-Karriere ihres Hausschweins Whoopie kümmern, für das sie einen Instagram-Kanal betreibt. So zumindest sagt sie es scherzhaft. Aber so einfach ist es nicht.
Der Aufbau eines erfolgreichen E-Commerce-Shops ist auch nach der Fernsehsendung von 2022 noch eine Herausforderung. Außerdem liebt Eckert ja die Arbeit für VapoWesp, ihre Firma, mit der sie Räucherboxen zur giftfreien Vertreibung von Wespen und Mücken verkauft. Und Schwein Whoopie geht es im eigenen klimatisierten Loungebereich des Hauses auch ohne den großen Ruhm blendend. Alles gut also. Bleibt nur noch die Schwierigkeit, den E-Commerce-Shop zu optimieren.
Dafür wandte sich Claudia Eckert an das KODIS des Fraunhofer IAO. »Als Unternehmerin erklärt einem niemand, wie das alles funktioniert«, sagt Eckert. »Man muss ständig selbst durchs Feuer gehen.« Umso dankbarer war sie für das Angebot: KODIS unterstützt kleine und mittelgroße Unternehmen in Baden-Württemberg dabei, digitale Lösungen in die Praxis zu bringen – von Beratung über Coachings und Workshops bis hin zur Umsetzung. Im Rahmen des vom Ministerium für Wirtschaft, Handwerk und Tourismus geförderten Kompetenzzentrums Smart Services entwickelte Claudia Eckert gemeinsam mit KODIS-Forschenden ab 2023 eine Anwendung, die sie ein gutes Stück weiterbrachte.
»Der Sommer war damals sehr verregnet, viele Kunden schickten unser Produkt zurück«, sagt Eckert. Campingurlaube und Gartenpartys fielen wohl ins Wasser, sodass die Menschen weniger Bedarf an der Vertreibung von Insekten und den Räucherboxen von VapoWesp hatten. Weil Claudia Eckert kostenlosen Versand anbietet und mit den Retouren doppelte Kosten entstanden, war das für sie ein Verlustgeschäft. »Wir mussten einen Weg finden, unser Produkt gezielt dort zu bewerben, wo es gebraucht wird«, sagt Eckert.
Werbekosten um 15 Prozent gesenkt
Die mit KODIS entwickelte App zeigt ihr eine digitale Landkarte mit Wetterdaten an. So sieht sie, wo in den kommenden Tagen die Sonne scheinen wird. Sie kann sich in den Regionen auch direkt ihre »Points of Interest« anzeigen lassen: Freibäder, Biergärten und Restaurants – Betriebe also, die an einer Räucherbox interessiert sein könnten. Seitdem kann Claudia Eckert gezielter Werbung auf Instagram und Facebook schalten. Die Clips kann sie speziell auf bestimmte Zielgruppen zuschneiden, an die diese dann ausgespielt werden – etwa junge Mütter, Gartenfreunde oder Camper. Die relevanten Betriebe kontaktiert sie direkt per Mail oder Telefon. Eckerts Bilanz: »Weil wir potenzielle Kunden jetzt effizienter erreichen, konnten wir unsere Werbekosten um 15 Prozent senken.«
Das Beispiel von VapoWesp ist typisch für das Engagement vom KODIS. »Wir unterstützen mit dem Kompetenzzentrum Smart Services gezielt kleinere Unternehmen, die allein nicht die Ressourcen hätten, digitale Lösungen zu entwickeln«, sagt Michaela Friedrich vom KODIS, die mit Claudia Eckert zusammengearbeitet hat. »Für eine begrenzte Zeit können wir sie intensiv begleiten.« Der Service ist grundsätzlich kostenlos. Wie wertvoll dieser aber sein kann, zeigt auch der Fall von corporatr, der Firma von Oliver Eckert – der mit Claudia Eckert verheiratet ist. Nach den guten Erfahrungen seiner Frau bewarb sich der Unternehmer im Anschlussprojekt des Kompetenzzentrums Smart Services, das den Titel »Zentrum für industrienahe Dienstleistungen« trägt.
Industrienah ist die Stuttgarter Firma corporatr insofern, als sie mittelständischen Unternehmen seit rund 15 Jahren Schulungen und Beratungen rund um Informationssicherheit, Datenschutz und Qualitätsmanagement bietet. Während große Firmen dafür eine eigene Abteilung und große Geldtöpfe haben, werden Schulungen bei kleinen und mittleren an Anbieter wie corporatr ausgelagert. Auf einer Veranstaltung der Fraunhofer-Gesellschaft zum Thema Virtual Reality (VR) in Freiburg kam Oliver Eckert dann die Idee, die neuen technologischen Potenziale für seine Schulungen zu nutzen.
Schulungserfolge mit VR-Technologie verbessern
»Mit einer VR-Brille kann man selbst in eine Situation eintauchen und macht auch eine emotionale Erfahrung«, sagt Eckert. Das könne helfen, sich die sonst eher trockenen Inhalte zu Datenschutz und Informationssicherheit dauerhaft zu merken. Als Inspiration zur Umsetzung diente ihm ein eigenes Erlebnis, das er noch heute bildlich vor Augen hat, wenn er davon erzählt. »Wir haben damals aus Versehen den Anhang einer Mail geöffnet und uns einen Trojaner eingefangen«, sagt Eckert. »Anschließend konnte ich auf dem Bildschirm dabei zuschauen, wie sich unsere Daten verschlüsselt haben«. Zum Glück hatte corporatr – ganz gemäß den Ratschlägen seiner Schulungen – regelmäßige Backups gemacht.
Eine Szene wie die von Eckert geschilderte findet sich nun auch in dem VR-Schulungsvideo wieder. Für den Dreh lud corporatr Freunde aus einer Firma für Pen-Testing zu sich in die Büroräume ein, also Spezialisten, die im Einvernehmen versuchen, Sicherheitssysteme von Unternehmen mit Cyberattacken zu überwinden. Diese spielten Hacker und simulierten in dieser Rolle verschiedene Angriffe. So können sich Nutzer im Video sowohl in die Perspektive der Angreifer als auch in die der Betroffenen versetzen. »Wir haben gängige Szenarien durchgespielt, vom Trojaner im Mailanhang bis hin zum Anruf des angeblichen Chefs, der mal eben etwas Geld überwiesen haben möchte«, sagt Eckert.
Technologie kann von allen mittelständischen Unternehmen in Baden-Württemberg genutzt werden
KODIS übernahm dabei die technische Umsetzung, von der Konzeption über den Dreh bis hin zum Schnitt. »Statt eines Videos in 2D schaffen wir ein Erlebnis mit Rundumblick«, sagt Alexander Gorovoj, der sich als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Schnittstelle zwischen Wirtschaft, Technik und Psychologie bewegt. »Die Menschen, die das sehen, sind der entscheidende Faktor in der Cybersicherheit ihrer Unternehmen.« Seien sie nicht qualifiziert, nütze auch die beste technologische Abwehr nichts. Für Gorovoj ist das Projekt ein Testballon, um nachhaltig zum Schutz des baden-württembergischen Mittelstands beizutragen. »Wir entwickeln alles auf Open-Source-Basis, sodass die Technologie niedrigschwellig von anderen Unternehmen für ähnliche Anwendungen genutzt werden kann.«
Dafür hat KODIS die nötige Hardware angeschafft: Kameras, Equipment für Ton und Licht sowie Server mit genügend Speicherplatz. Allein das gerenderte Rohmaterial des corporatr-Videos umfasst 20 Terabyte – das entspricht etwa 5000 Filmen in HD-Qualität. »Die Beschaffung dieser Ausrüstung wäre für kleinere Unternehmen schlicht zu teuer«, sagt Gorovoj. Bei KODIS hingegen können sie fortan auch noch das Know-how der Expertinnen und Experten nutzen, die gelernt haben, wie man die Vermittlung von Informationen zu einer immersiven Erfahrung macht.
Weil dabei auch eine Prise Humor hilft, hat Whoopie, das Hausschwein der Eckerts, am Ende des Videos einen Gastauftritt. »Datenschutz interessiert keine Sau«, heißt es da, und Whoopie zerfetzt einen Karton mit der Aufschrift »Backup«. Wer weiß, vielleicht hilft das ja auch ihrer Karriere als Pigfluencerin.